StartseiteModul EvianPhase 2: RollenspielAB - Journalisten

Arbeitsblatt - Journalisten

Sie sind als Journalistenteam von „Radio Praha“ bei der Konferenz von Évian. Ihre Redaktion hat Sie damit beauftragt, sich den Delegationen nach ca. 15 Minuten vorzustellen und sie zu bitten, kurz ihr jeweiliges Hauptargument zu nennen und zu kommentieren. Werfen Sie in der Zwischenzeit einen genaueren Blick auf die folgenden Ausführungen jüdischer Organisationen und Nazi-Deutschlands sowie auf die Daten. Bereiten Sie einen kurzen Radiobeitrag vor, in dem Sie die Sichtweisen zusammenfassen und überlegen, in welchem Zusammenhang diese mit den untersuchten Daten stehen. Verwenden Sie direkte Zitate und kennzeichnen Sie diese gegenüber dem Publikum. Behalten Sie folgende Fragen im Hinterkopf:

  • Für welche Personen ziehen die Delegierten eine Einreiseerlaubnis in ihre Länder in Betracht?
  • Was ist der berufliche Hintergrund der verfolgten und verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit suchenden Personen?
  • Wer wird dafür bezahlen?

Kommentare zur Zwangsmigration von Juden

„Einerseits besteht ein außerordentlich starker Auswanderungsdruck. Andererseits sind die Möglichkeiten für die Aufnahme von Zuwanderern in andere Länder streng begrenzt.“[1]

„Schon jetzt hängt die Existenz eines großen Teils der Juden in Deutschland – und, daran sei erinnert: ein ebenso großer Teil in Polen und Rumänien – von Almosen ab, die größtenteils aus dem Ausland kommen. Die Quellen dieser Almosen sind nicht unerschöpflich. Es wäre absurd anzunehmen, dass die gesamte jüdische Bevölkerung Deutschlands und Österreichs in Zukunft durch Gelder unterhalten werden kann, die aus fremden Ländern beigesteuert werden. (…) So lange Deutschland seine jetzige Regierung behält, besteht die einzige Hoffnung für deutsche Juden darin, das Land zu verlassen. (…) Leider gab es in der Geschichte nie eine Epoche, in der die Regierungen weniger dazu bereit waren, Ausländer aufzunehmen, als heute. Regierungen erbarmen sich möglicherweise letztendlich gegenüber einem Flüchtling, der einen beträchtlichen Kapitalvorrat mit sich bringt. Ein Flüchtling ohne Kapital gilt dagegen immer noch als Verbindlichkeit, als eine nicht-erstattungsfähige Belastung für das Volkseinkommen.“[2]

„Wollen die Behörden des Reichs eine starke Auswanderung deutscher Juden fördern, so müssen sie dazu bereit sein, das Eigentum der Auswanderer freizugeben. Ferner müssen sie Austauschvereinbarungen mit anderen Gemeinschaften ermöglichen, die hierzu praktikabel sind.“[3]

 

[1] Evian Memorandum by the Council of German Jewry, Juli 1938, S. 4, in: Robert Weltsch Collection 1770-1997, LBI NY AR 7185 MF 491 Reels 1-31
[2] The Manchester Guardian, 5. Juli 1938, S. 10: „The Task at Evian“
[3] Memorandum of certain Jewish Organisations concerned with Refugees from Germany and Austria, S. 6, in: Robert Weltsch Collection 1770-1997, LBI NY AR 7185 MF 491 Reels 1-31

 

Berufe, Auswanderungspläne und Ausbildung

Eine kurze Geschichte der Meyers

Ernst Meyer (jüngerer Bruder von Ilse Marcus) wurde 1918 in Breslau geboren. Während der Novemberpogrome zerschlugen Nazi-Gangs das Fenster des Ladens der Familie, und Plünderer trugen die Waren fort. Am nächsten Morgen kamen SA-Männer in die Wohnung und verhafteten mehrere männliche Familienmitglieder. Sie wurden drei Wochen später freigelassen, nachdem sie versprochen hatten, aus Deutschland auszuwandern. Die Familie hoffte, in die Vereinigten Staaten einzureisen. Ihre Nummern für die Visaanträge waren allerdings sehr hoch. Sie beschlossen daher, Tickets für eine Überfahrt mit der St. Louis nach Havanna zu buchen, wo sie auf die Einreiseerlaubnis für die USA warten konnten. Als das Schiff am 27. Mai 1939 in Havanna ankam, verbot die kubanische Regierung den Passagieren das Aussteigen. Nachdem das Schiff zur Rückkehr nach Europa gezwungen worden war, gingen sie in Belgien an Land und lebten das nächste Jahr als Flüchtlinge in Brüssel. Nachdem Deutschland im Mai 1940 in Belgien einmarschiert war, verhafteten die Belgier jedoch Ernst und andere Familienmitglieder als „feindliche Ausländer“. Nach einer Zeit des Versteckens und eines Lebens mit falschen Papieren informierten ehemalige Nachbarn von Ilse und Elfriede die Behörden Anfang Januar 1944 über die jüdische Identität und den Aufenthaltsort. Mehrere Familienmitglieder wurden nach Auschwitz deportiert, wo Ernst Meyer, seine Mutter und andere ermordet wurden. Nach einem Jahr in Auschwitz wurde Ilse Marcus am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit. Sie fuhr mit einem Evakuierungszug in die Niederlande und machte sich dann auf den Weg zurück nach Belgien, um auf überlebende Familienmitglieder zu warten. Niemand kehrte zurück. Sie entschied sich, in die USA einzuwandern, um in der Nähe des Bruders ihres ermordeten Ehemannes zu sein. Er war ihr einziger Verwandter, der überlebt hat. Sie hat nie wieder geheiratet.

„Man erkannte, dass die junge jüdische Generation auf produktive handwerkliche Tätigkeiten in den Ländern vorbereitet sein muss, in die sie auswandern sollten. Um den vielen Personen, die aus ihren früheren Berufstätigkeiten vertrieben wurden, eine neue Chance zu verschaffen, sollten sie eine Umschulung in einem Beruf erhalten, für den in einem anderen Land mehr Nachfrage bestand. Die zentrale jüdische Körperschaft in Deutschland, die Reichsvertretung der Deutschen Juden, gründete deshalb Umschulungszentren für Personen zwischen 17 und 30 Jahren sowie Zentren für Jungen und Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren.“

[1] Memorandum of certain Jewish Organisations concerned with the Refugees from Germany and Austria, S. 6, in: Robert Weltsch Collection 1770-1997, LBI NY AR 7185 MF 491 Reels 1-31

Statistiken zu auswandernden bzw. vertriebenen Juden

Bei einer genaueren Betrachtung der Daten ist zu berücksichtigen, dass sich die Juden jahrhundertelang an verschiedene berufliche Einschränkungen anpassen mussten. Diese hatten einen Einfluss darauf, wie sich die Berufe prozentual verteilten. Um den Anforderungen der potenziellen Aufnahmeländer gerecht zu werden, boten jüdische Organisationen Schulungen zum Erlernen von Fertigkeiten zwecks beruflicher Umorientierung an. Neben der Landwirtschaft gab es Kurse in Gartenarbeit, Kranken- und sogar Säuglingspflege. Bis Ende Mai 1938 hatten mehr als 4.000 Menschen eine solche Umschulung erhalten, während viele andere noch daran teilnahmen.

Stellen Sie sich jetzt nacheinander den einzelnen Delegationen vor und bitten diese, kurz ihr Hauptargument bezüglich der Einwanderungsbedingungen zu nennen. Machen Sie sich Notizen für Ihren kurzen Radiobeitrag und kombinieren Sie die erlangten Informationen mit den unten aufgeführten.

Deutsche Sichtweise (Auswärtiges Amt)

Nazi-Deutschland nutzte das Scheitern der Konferenz als Mittel zur Rechtfertigung seiner antisemitischen Politik. Ein Beispiel für diese Instrumentalisierung ist ein Memorandum von Emil Schumburg, Diplomat und sogenannter „Judenreferent“ („Sachbearbeiter für Judenfragen“) des deutschen Auswärtigen Amtes.

Emil Schumburg: Die Judenfrage als Faktor der Außenpolitik im Jahre 1938, Berlin, 25. Januar 1939, PAAA 83-26 19/1

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