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Arbeitsblatt: Gruppe 2 - Passagier J. Hermann

Anleitung

Lesen Sie den Brief, den der St. Louis Passagier Julius Hermann seiner Familie in New York am 30. Mai 1939 geschrieben hat. Wie hat Hermann die Atmosphäre am Bord der St. Louis beschrieben? Wie geht er im Vergleich zu anderen Passagieren mit der Situation um?

Transkript des Briefes von Julius Hermann, 30.5.1939

Hafenmitte

Havana, 30.5.39

nachm. 18 ½

Meine lieben New Yorker!

Ihr könnt euch die Erregung an Bord vorstellen, weil ein greifbarer Verhandlungserfolgserfolg bisher uns nicht zu Ohren kam. Seit 17 Uhr sitzen wieder Komitees an dem Verhandlungstisch, aber die Kubaner haben viel Zeit. Ein engl. Schiff worauf auch jüdisches Emigr. waren, konnte auch nicht landen, ist auf dem Weg nach Mexiko und wird versuchen, sie auf der Rückfahrt hier abzusetzen.

Ein R. Anwalt, Loewy, aus Breslau, welcher mit Frau, 19 j. Tochter und 17 j. Sohn mitreiste, hat sich die Pulsadern aufgeschnitten und ist im Blitztempo über die Reeling ins Wasser. Der sofort nachsetzende Matrose konnte nur mit Aufbereitung aller Kraft den sich zur Wehr setzenden Lebensmüden (nervenerschütterten) einige Momente halten, bis ein Boot, welches gerade Müll abholte, ihn in ihr Boot ziehen konnten.

Auch dort wiedersetzte er sich noch, riss weiter den Puls auf. Hoffentlich wird bald eine Lösung gefunden, wo wir landen können, ganz gleich in welchem Lande.

Man muss schon Nerven haben wie ein Pferd, um alles durchstehen zu können.

Paul Salmon kommt 4-5 mal auf Booten angefahren und lässt dich grüßen. Die vielen Bootsinsassen kommen zur Beruhigung ohne, daß sie irgendetwas neues bringen können. Der gute Wille und die Spannung kürzen die Zeit.

Nehmt 1000 Grüße und Küsse und bleibt gesund wie ich.

Bis auf Wiedersehen,

Euer Julius

Eben kommt noch ein Boot, es spricht ein Herr mit Sprachrohr, jeder soll Ruhe bewahren, wir würden baldigst Havanna betreten können. – Beruhigungsstille

Nach der Ankunft

Nach dem Transfer zum Lager Gurs und Les Milles, wurde Julius am 11. August 1942 mit 235 anderen Gefangenen, nach Drancy deportiert –  ein Durchgangslager in der Nähe von Paris. Drei Tage später wurde er weiter nach Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde. Seine Frau und Tochter, wie auch andere Verwandte, wurden am 11. Dezember 1941 in das Ghetto Riga deportiert, wo sie wahrscheinlich ermordet wurden.

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